Wie ein Dolmetschpult eigentlich nicht ausgestattet sein sollte

Flexibilität ist des Dolmetschers zweiter Vorname.

Ein guter Dolmetscher zeichnet sich nicht nur durch sprachliche Gewandtheit, eine schnelle Auffassungsgabe und eine hohe  Stressresistenz aus, nein er (oder sie) muss auch ein gerüttelt Maß an Flexibilität mitbringen. Eine Tagesordnung kann sich kurzfristig komplett ändern, ein freundlicher Herr referiert möglicherweise nicht über die (in tagelanger Arbeit terminologisch vorbereiteten) Braunbären, das Fachgebiet des ursprünglich eingeladenen Redners, sondern über sein Spezialthema, die Blauflügel-Prachtlibelle, ein Vorstandsvorsitzender bittet spontan darum, dass die Simultandolmetscher die Kabine verlassen, um konsekutiv weiter zu dolmetschen – alles ist möglich.

In manchen Fällen wird die Flexibilität des Dolmetschers auch in ganz anderen Bereichen strapaziert.

Zum Verständnis der Situation zeige ich hier ein typisches Dolmetschpult. So oder ähnlich muss ein Dolmetschpult aussehen. Details finden sich hier, mit den Erläuterungen der dolmetschspezifischen Features, die mit diesem Dolmetschpult abgedeckt werden. Ein ganz wichtiger Faktor ist der sehr sehr große Knopf mit der Aufschrift „Micro“, der rot unterlegt wird, wenn das Mikrofon eingeschaltet ist. So hat der Dolmetscher die Sicherheit, dass die Verdolmetschung auch im Saal und bei den Zuhörern ankommt.

So sieht ein Schaltpult oder Dolmetschpult in der Kabine aus!
So sieht ein Schaltpult oder Dolmetschpult in der Kabine aus!

Es begab sich nun vor einiger Zeit, dass das Dolmetschteam eines Morgens in einem Veranstaltungszentrum in die Kabine kam und das unten abgebildete Monstrum in der Kabine vorfand.

Was macht ein Mischpult in der Dolmetschkabine?
Was macht ein Mischpult in der Dolmetschkabine?

Zunächst nahmen wir an, dass diese Gerätschaft in der fest installierten Kabine vergessen worden war. Der herbeigerufene freundliche Haustechniker klärte uns auf:

„Nein, das hat schon so seine Richtigkeit, das ist bei uns das Dolmetschpult“.

Als der Mann mein fassungsloses Gesicht sah, meinte er, es sei ja nur ein kleines Mischpult, mit einer ja recht überschaubaren Anzahl von Knöpfen (schlappe 44 Drehknöpfe und mindestens 8 Schieberegler!). Das sei ja ganz leicht zu bedienen… Ich neige im Allgemeinen nicht zur Panik, aber die Vorstellung, während einer hochtechnischen Präsentation über Maschinenbau irgendwo in diesem Wald von Knöpfen den Lautstärkeregler finden zu müssen, machte mich nicht unbedingt fröhlich.

Für jedes Problem gibt es jedoch eine Lösung. Da gute Dolmetscher immer sehr pünktlich sind (und Pünktlichkeit bedeutet in unserem Beruf mindestens eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung), blieb noch genug Zeit, um den kooperativen Haustechniker zu einer kreativen Redesign-Aktion zu bewegen. Das Resultat ist hier unten zu besichtigen.

Ein Fremdkörper in der Kabine...
Ein Fremdkörper in der Kabine…

 

Unser „Dolmetschpult“ sah nun aus wie eine Christo-Verpackung oder wie ein kafkaeskes verpupptes Wesen…zu sehen und zu bedienen waren  jetzt nur noch die beiden weißen Mikrofonschieber und die entsprechenden Lautstärkeregler.

Gefühlte 10 Sekunden vor Beginn der Konferenz waren die Umbauarbeiten abgeschlossen. Starke Nerven waren gefragt.

Erstaunlicherweise hat das Konstrukt seinen Dienst getan – wobei nur vom Deutschen in die Fremdsprache gedolmetscht werden konnte; Dolmetschen aus der Fremdsprache ins Deutsche wäre technisch nicht möglich gewesen…

So nett dieses Intermezzo war, für eine Dialogveranstaltung sollte es dann doch das Original, also ein richtiges Dolmetschpult sein.

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